Das Wichtigste im Überblick
- Das Oberlandesgericht Hamm sprach einem verletzten Motorradfahrer insgesamt 15.000 EUR Schmerzensgeld zu (Urteil vom 08.07.2022, Az. 7 U 106/20).
- Der abbiegende Autofahrer haftet zu 100 Prozent, weil er gegen die doppelte Rückschaupflicht nach § 9 StVO verstoßen hat; ein Mitverschulden des Motorradfahrers wurde nicht festgestellt.
- Der 17-Jährige erlitt eine mehrfragmentäre Unterschenkelfraktur mit Kompartmentsyndrom, eine Mittelfußfraktur und ein dauerhaftes CRPS (Morbus Sudeck).
- Er lag sechs Wochen im Krankenhaus, war rund vier Monate arbeitsunfähig, und seine Berufsausbildung verzögerte sich um ein Jahr.
Ein schwerer Unfall verändert das Leben oft von einer Sekunde auf die andere. Wenn nach einem Verkehrsunfall bleibende Schmerzen und Einschränkungen zurückbleiben, stellt sich für viele Betroffene die Frage, welches Schmerzensgeld ihnen zusteht. Ein Urteil des Oberlandesgerichts Hamm zeigt, wie Gerichte schwere Beinverletzungen mit dauerhaften Folgen bewerten und warum die Frage der Haftung entscheidend ist.
Was ist passiert?
Ein 17-jähriger Motorradfahrer kollidierte mit einem abbiegenden Fahrzeug eines Eisverkäufers. Der Autofahrer wollte nach links abbiegen und übersah dabei das herannahende Motorrad. Zwar gab er an, einen "doppelten Schulterblick" gemacht und den Motorradfahrer in 20 bis 30 Metern Entfernung gesehen zu haben. Den entscheidenden zweiten Blick unmittelbar vor dem Abbiegen unterließ er jedoch.
Die Folgen des Zusammenstoßes waren gravierend: Der junge Mann erlitt eine mehrfragmentäre, verschobene Unterschenkelfraktur mit einem Kompartmentsyndrom sowie eine verschobene Fraktur des linken Mittelfußknochens mit Fußkompartment. Er wurde sechs Wochen stationär behandelt, in zwei Operationen mit äußerem Fixateur und Osteosynthese versorgt und absolvierte anschließend eine mehrwöchige Rehabilitation sowie 36 physiotherapeutische Behandlungen.
Die Entscheidung des Gerichts
Das Oberlandesgericht Hamm setzte das Schmerzensgeld auf insgesamt 15.000 EUR fest (Az. 7 U 106/20). In der ersten Instanz hatte das Landgericht Arnsberg 11.000 EUR zugesprochen; das OLG erhöhte diesen Betrag in der Berufung um weitere 4.000 EUR. In dem Gesamtbetrag sind auch bereits vorgerichtlich gezahlte 917,23 EUR berücksichtigt.
Zusätzlich stellte das Gericht fest, dass die Beklagten zu 100 Prozent für alle weiteren materiellen und für künftige, derzeit noch nicht absehbare immaterielle Schäden aufkommen müssen. Dieser sogenannte Feststellungsausspruch ist für Betroffene wichtig, weil sich Spätfolgen einer solchen Verletzung erst Jahre später zeigen können.
Warum hat das Gericht so entschieden?
Der Autofahrer haftet vollständig, weil er die doppelte Rückschaupflicht nach § 9 Abs. 1 StVO verletzt hat. Nach dieser Regel muss ein Linksabbieger nicht nur vor dem Einordnen, sondern noch einmal unmittelbar vor dem Abbiegen auf den nachfolgenden Verkehr achten. Genau diesen zweiten Blick versäumte der Fahrer.
Das Gericht stützte sich dabei auf einen sogenannten Anscheinsbeweis: Ereignet sich ein Unfall in engem Zusammenhang mit einem Linksabbiegevorgang, spricht die Lebenserfahrung dafür, dass der Abbieger seine Sorgfaltspflichten verletzt hat. Die Gegenseite konnte diesen Anschein nicht entkräften. Ein Mitverschulden des Motorradfahrers – etwa eine erhöhte Betriebsgefahr durch das Zweirad – ließ sich nicht nachweisen, weil sie sich nicht auf den Unfall ausgewirkt hatte.
Bei der Höhe des Schmerzensgeldes berücksichtigte das Gericht das Ausmaß der Verletzungen, die lange Behandlungsdauer und vor allem die bleibenden Folgen. Der junge Mann leidet dauerhaft an einer leichten Form des CRPS (Morbus Sudeck) mit vermehrter Schweißproduktion, Schwellneigung und wiederkehrenden Schmerzen, unter anderem bei Wetterumschwüngen. Im Berufsalltag benötigt er wegen des langen Stehens täglich zwei bis drei zusätzliche Pausen. Auch die um ein Jahr verzögerte Berufsausbildung floss in die Bewertung ein.
Was bedeutet das für Betroffene?
Für Betroffene ist entscheidend, dass sowohl die akuten Verletzungen als auch die Dauerschäden vollständig dokumentiert werden. Bei schweren Beinverletzungen mit einem CRPS sprachen Gerichte in vergleichbaren Fällen Schmerzensgelder in einer Spanne von mehreren Tausend bis in den unteren fünfstelligen Bereich zu – abhängig von Schwere, Dauer und den bleibenden Einschränkungen.
Besonders wichtig ist der Feststellungsantrag für künftige Schäden. Gerade bei einem CRPS lassen sich die langfristigen Folgen zum Zeitpunkt des Urteils oft noch nicht abschließend beurteilen. Wer diesen Anspruch sichert, muss nicht befürchten, bei späteren Verschlechterungen leer auszugehen.
Auch die Haftungsfrage sollte niemals vorschnell akzeptiert werden. Versicherer wenden häufig ein Mitverschulden ein – etwa eine erhöhte Betriebsgefahr des Motorrads. Wie dieser Fall zeigt, greift ein solcher Einwand nur, wenn er sich tatsächlich auf den Unfall ausgewirkt hat. [LINK: Schmerzensgeld nach Verkehrsunfall]
Häufige Fragen
Wie viel Schmerzensgeld gibt es bei einer Unterschenkelfraktur mit CRPS?
Das OLG Hamm sprach in diesem Fall insgesamt 15.000 EUR zu (Az. 7 U 106/20). Die Höhe hängt immer vom Einzelfall ab – insbesondere von der Schwere der Verletzung, der Behandlungsdauer und den bleibenden Folgen.
Was ist die doppelte Rückschaupflicht?
Wer nach links abbiegen will, muss nach § 9 StVO zweimal auf den nachfolgenden Verkehr achten: einmal vor dem Einordnen und ein zweites Mal unmittelbar vor dem Abbiegen. Fehlt dieser zweite Blick, liegt in der Regel ein Verschulden des Abbiegers vor.
Was ist ein CRPS (Morbus Sudeck)?
CRPS steht für "chronic regional pain syndrome", auch Morbus Sudeck genannt. Es handelt sich um ein chronisches Schmerzsyndrom, das nach Verletzungen auftreten kann und sich unter anderem durch anhaltende Schmerzen, Schwellungen und vermehrte Schweißproduktion äußert.
Muss ich mir als Motorradfahrer ein Mitverschulden anrechnen lassen?
Nicht automatisch. Ein Mitverschulden oder eine erhöhte Betriebsgefahr wirken sich nur dann aus, wenn sie tatsächlich zum Unfall beigetragen haben. In diesem Fall wurde dem Motorradfahrer kein Mitverschulden angelastet – die Gegenseite haftete zu 100 Prozent.
Warum ist die Feststellung künftiger Schäden so wichtig?
Bei Verletzungen wie einem CRPS können Spätfolgen erst Jahre später auftreten. Mit einem Feststellungsausspruch wird gesichert, dass auch diese künftigen Schäden ersetzt werden müssen.
Wie lange nach dem Unfall kann ich Ansprüche geltend machen?
Ansprüche verjähren grundsätzlich innerhalb bestimmter Fristen. Es ist daher ratsam, frühzeitig rechtlichen Rat einzuholen, um keine Fristen zu versäumen und Beweise rechtzeitig zu sichern.
Fazit
Das Urteil des OLG Hamm zeigt, dass bei schweren Beinverletzungen mit dauerhaften Folgen wie einem CRPS erhebliche Schmerzensgelder gerechtfertigt sein können. Ebenso deutlich wird, wie wichtig die richtige Bewertung der Haftung und die Sicherung künftiger Ansprüche sind. Wer die Folgen sorgfältig dokumentiert und seine Rechte konsequent verfolgt, verbessert seine Position deutlich.
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